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2020 05 03 Meditation

Meditation zum 4. Sonntag der Osterzeit

Gott will, dass ich lebe

Foto: Ange­li­ka Kamlage

Ob Jesus sich da nicht etwas zu weit aus dem Fens­ter gelehnt hat? Zuge­ge­ben, das Bild ist roman­tisch schön: Der gute Hir­te ruft sei­ne Scha­fe beim Namen, und die fol­gen ihm auf saf­ti­ge Wei­den. Frem­de Stim­men beach­ten sie erst gar nicht.

Ein ehr­li­cher Blick auf mein Leben macht mich skep­tisch. Nicht, dass ich der Stim­me des guten Hir­ten nicht fol­gen woll­te. Aber dass es mir immer gelingt, SEI­NE Stim­me von den ver­füh­re­risch bösen zu unter­schei­den, kann ich nicht behaup­ten. Und auch die Scha­fe“ Jesu sind wohl nicht davor gefeit, ihre Hoff­nung auf fal­sche“ Hir­ten zu set­zen.

Lei­der gibt uns das Evan­ge­li­um kei­ne Lis­te mit den wich­tigs­ten Unter­schei­dungs­kri­te­ri­en für die rich­ti­ge“ Stim­me. Aber Jesus macht etwas ande­res deut­lich: Er zeigt uns, wer Gott ist und was sei­ne größ­te Sehn­sucht für den Men­schen ist: Leben in Fül­le.

Die­be und Räu­ber – nur auf ihren eige­nen Vor­teil bedacht – schre­cken nicht davor zurück, das Leben ande­rer ein­zu­en­gen oder gar zu ver­nich­ten. Im Gegen­satz zu ihnen schenkt Gott Leben, ermög­licht es. Er selbst ist Leben in Fül­le“, und in Chris­tus haben wir Anteil dar­an. Und zwar schon hier und jetzt, nicht erst irgend­wann in einem ande­ren“ Leben nach dem Tod: Wo ich wirk­lich leben­dig bin, wo ich ech­te Freu­de oder tie­fen Trost erfah­re, wo ich von gan­zem Her­zen lie­be und geliebt wer­de, wo ich authen­tisch sein und die Welt gestal­ten kann, wo ich im Ver­trau­en auf Got­tes lie­ben­de Gegen­wart lebe – da wird das ver­hei­ße­ne Leben in Fül­le schon Wirk­lich­keit.

Die­ses Leben ist mir in Chris­tus geschenkt, ich kann es nicht selbst machen oder mir ver­die­nen. Aber Gott zwingt es nicht auf. Das Bild von der Tür macht deut­lich: Ich bin frei. Chris­tus ist die offe­ne Tür zum Leben – durch­ge­hen muss ich selbst. Auch wenn mich Ängs­te oder Zwei­fel dar­an hin­dern, auf sei­ne Stim­me zu hören und mich von ihm tie­fer ins Leben füh­ren zu las­sen: Chris­tus ruft mich gedul­dig beim Namen. Wo mich die Stim­me — in aller Frei­heit — zu mehr Leben­dig­keit und Lie­be zu uns selbst, zu Gott, dem Nächs­ten oder der Schöp­fung ruft, da kann ich dar­auf ver­trau­en, dass es die Stim­me des guten Hir­ten“ ist. Denn Gott will, dass ich lebe. Dar­um ist er Mensch gewor­den: damit ich, damit alle das Leben haben – und zwar in Fülle.

Anna Stri­cker, Refe­ren­tin im Arbeits­be­reich Ver­kün­di­gung und Öku­me­ne, Bis­tum Trier